Digitale Nomaden – Mitarbeitergruppe der Zukunft?!

Wollen Unternehmen im digitalen Zeitalter auf der Höhe der Zeit bleiben, sind sie auf Mitarbeitende angewiesen, die über die nötigen Schlüsselqualifikationen verfügen und diese ins Unternehmen einbringen. Diese Mitarbeitenden stellen dabei nicht nur hinsichtlich ihrer fachlichen Qualifikationen eine neue Generation dar, sondern auch hinsichtlich ihres Arbeitsstils: Sie wollen selbst bestimmen, wie sie arbeiten, wann sie arbeiten und immer häufiger auch, von wo aus sie arbeiten. Damit läuten die „digitalen Nomaden“, wie diese Mitarbeitergruppe inzwischen genannt wird, einen Arbeitskulturwandel ein, der noch weit über das Home-Office hinausgeht – denn digitale Nomaden sind auf der ganzen Welt zuhause. Was sie zum Arbeiten brauchen, ist eigentlich nur ein Standort mit stabiler und schneller Internetverbindung.

Was genau diese Arbeitsweise ausmacht und wie sich Unternehmen hier als attraktive Arbeitgebermarke positionieren können, ist ein bislang noch eher unerforschtes Gebiet. Mehr Licht ins Dunkel bringt daher das Lehrforschungsprojekt, das Masterstudierende jetzt unter der Leitung von Prof. Dr. Sabine Remdisch an der Leuphana Universität Lüneburg umgesetzt haben. Kern eines solchen Lehrforschungsprojekts ist die empirische Untersuchung einer zuvor definierten Fragestellung.

„Die Öffnung des Arbeitnehmermarktes durch Digitalisierung und Internationalisierung, verstärkt durch die aktuelle Situation durch COVID 19, bietet Freiraum für das Entstehen neuartiger Arbeitnehmergruppen wie beispielsweise die der digitalen Nomaden. Durch das Lehrforschungsprojekt hatten wir die Möglichkeit, uns mit diesem Trend auseinanderzusetzen und die Gruppe der digitalen Nomaden näher kennenzulernen.“

(Leuphana-Studierende des Lehrforschungsprojekts „Digitale Nomaden“)

Für ihr Projekt haben die Studierenden anhand der theoretischen Literatur einen Idealtypus, die sogenannte Persona, des digitalen Nomaden konstruiert und diese Erkenntnisse dann noch einmal um die Ergebnisse einer eigenen Stichprobe erweitert. Was also zeichnet digitale Nomaden zusammenfassend aus? Sie verfügen über akademische Bildung, arbeiten in digital geprägten Branchen und Berufen und kommen dort vornehmlich als Freelancer vor, sie sind offen für Neues und wünschen sich Autonomie und Abwechslung. Weitere Merkmale des digitalen Nomaden sind dessen Selbstwirksamkeit, die Freude an komplexen Tätigkeiten und eine hohe Task Identity, also die Ganzheitlichkeit in der Erledigung von Aufgaben.

Außerdem interessierte die Studierenden noch, was die Arbeitszufriedenheit des digitalen Nomaden ausmacht. Einen positiven Zusammenhang fanden sie beispielsweise mit der wahrgenommenen Komplexität der Arbeit: Je komplexer die Aufgaben, desto zufriedener ist der digitale Nomade mit der Arbeitstätigkeit an sich. Das gleiche Bild zeigte sich mit Blick auf die Wochenarbeitszeit: Je mehr die digitalen Nomaden im Durchschnitt unter der Woche arbeiten, desto zufriedener sind sie allgemein im Job. Und noch ein interessanter Zusammenhang wurde gefunden: Je mehr digitale Nomaden im Arbeitskontext mit Anderen auf Grund des Jobs zu tun haben, desto zufriedener sind sie mit ihrer Arbeitstätigkeit.

In der Zusammenschau aller Untersuchungsergebnisse ergab sich für die Studierenden folgende Begriffsdefinition:

„Ein digitaler Nomade ist eine Person, die für ihre meist selbständige Arbeit fast ausschließlich digitale Technologien nutzt und gleichzeitig ein weitgehend ortsunabhängiges Leben führt. Ihre berufliche Tätigkeit ist überwiegend von einer hohen Autonomie, einen hohen Anforderungsvielfalt und hoher Ganzheitlichkeit der Aufgaben geprägt. Sie zeichnet sich insbesondere durch eine hohe Selbstwirksamkeit sowie ihrem Streben nach Freiheit, Reisen, Unabhängigkeit und neuen Erfahrungen aus. Sie neigt dazu, an verschiedene Orte zu reisen und ist nicht an einen festen Arbeitsplatz oder gar Standort gebunden.“

Was kann die Praxis aus diesen Ergebnissen lernen? Auch dazu haben die Studierenden gearbeitet. Für Unternehmen ist interessant zu wissen, dass digitale Nomaden in genau jenen Berufen zu finden sind, in denen auch die Schlüsselqualifikationen des digitalen Zeitalters ruhen; Unternehmen sind also gut beraten, digitale Nomaden als relevante Mitarbeitergruppe der Zukunft zu berücksichtigen und ihr Employer Branding in deren Richtung zu öffnen. Und wenn auch natürlich nicht jeder digitale Nomade den idealen Fit für jeden Arbeitgeber darstellt, so zeigt sich doch, dass sich diese neue Mitarbeitergruppe vom traditionellen Arbeitnehmer keineswegs negativ abgrenzt und auch von daher eine geeignete Arbeitnehmerschaft darstellt.

„Der Arbeitskulturwandel wird langfristig nur erfolgreich in Unternehmen implementiert werden können, wenn Commitment auf beiden Seiten vorhanden ist – bei dem Arbeitnehmer und bei dem Arbeitgeber.“

(Leuphana-Studierende des Lehrforschungsprojekts „Digitale Nomaden“)

Auch der weiteren wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet geben die Studierenden einige Hinweise mit auf den Weg. So empfehlen sie eine Validierung der Daten durch eine größere Stichprobe, eine auch international angelegte Stichprobe zur Überprüfung kulturübergreifender Normen, die Umsetzung einer Studie zur Messung von Performance und Produktivität und eine Einordnung der Ergebnisse in einen Vorher-/Nachher-Kontext des digitalen Nomadentums.

Den Studierenden dieses spannenden Lehrforschungsprojekts ist aufgrund ihrer gesammelten Erkenntnisse klar geworden, wie sehr das Thema digitale Nomaden Unternehmen in den nächsten Jahren beschäftigen wird – und dass der jetzt durch COVID-19 herbeigezwungene Kulturwandel nur ein Hinweis von vielen ist, dass Unternehmen künftig noch flexibler und agiler aufgestellt sein müssen, um für die Arbeitsweisen der Zukunft gerüstet zu sein.

Die Studierenden des Lehrforschungsprojekts „digitale Nomaden“: Eva Rötzer, Melina Schroeter, Léa Sanft, Miriam Nareyka, Stine Christoph, Chantal Baro, Josefine Gesien, Tobias Britz.

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