Erste Experimente im Digital-Labor

Was können die neuen digitalen Technologien? Welche praktischen, aber auch welche psychischen Herausforderungen stellen sie an ihre Nutzer? Diesen Fragen gingen jetzt Studierende unter der Leitung von Prof. Dr. Sabine Remdisch und Christian Otto auf die Spur und nutzten dafür auch das neue Digital Leadership Lab der Leuphana Universität Lüneburg.

Eine engagierte und konzentrierte Arbeitsatmosphäre hat sich im ersten Stockwerk des neuen Zentralgebäudes der Leuphana Universität Lüneburg breitgemacht – hier ist seit kurzem das Digital Leadership Lab, das in Zusammenarbeit mit der LeadershipGarage betrieben wird, beheimatet und hier treffen sich heute erstmals Studierende der Wirtschaftspsychologie, um Experimentreihen umzusetzen, die sie in dem Seminar „Zukunftstrends in der Wirtschaftspsychologie“ ausarbeiten.

Die erste studentische Forschergruppe beschäftigt sich mit der Textanalyseapplikation Watson Personality Insights. Das ist eine Anwendung von IBM, die aus Texten – beispielsweise Bewerbungsschreiben oder auch Kundenbeschwerden – auf Persönlichkeitsmerkmale schließen und ein datenbasiertes Persönlichkeitsprofil des Verfassers liefern kann. Lassen sich solche Programme beeinflussen? Das möchten die Studierenden herausfinden und speisen in ihrer Versuchsreihe verschiedene Texte in Personal Insights ein, um die sich daraus ergebenden Persönlichkeitsprofile dann vergleichen zu können. Als Grundlage testen sie zunächst einen Originaltext, den sie in der Folge dann auf verschiedene Weise manipulieren, etwa durch eine Randomisierung des Textaufbaus oder den Einbau zusätzlicher Sätze, die eine bestimmte Facette der psychologischen Big Five – Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus – betonen. Kann also beispielsweise ein Bewerber durch die bewusste Gewichtung dieser Facetten in seinem Bewerbungstext das System zu seinen Gunsten beeinflussen? Die Fragestellung ist genauso auch andersherum von Interesse: Kann Personality Insights beigebracht werden, Manipulationen zu erkennen? Nicht nur künftige Bewerber, auch die Unternehmen, die solche Systeme künftig nutzen werden, dürften auf die Auswertung dieses Versuchs gespannt sein.

Wodurch können Textanalysesysteme manipuliert werden? Eines von drei studentischen Experimenten im Digital Leadership Lab.

Während die erste Gruppe vor allem im Stillen arbeitet, ist das Experiment der zweiten Forschergruppe von einem ständigen Surren begleitet. Ihr Versuch „Robot Escape“ geht der Frage nach, wie sich Stress auf das Bedienen einer digitalen Technologie auswirken kann. Das Setup dieses Versuchs sieht so aus: Innerhalb des Digital Leadership Labs ist ein kleiner Parcours aufgebaut, durch den die Versuchsperson einen kleinen Telepräsenzroboter steuert (siehe Foto). Bedient wird dieser Smartphone-Roboter wie eine Drohne, während der Proband mit einem Tablet-Computer außerhalb des Raums sitzt. Aufgabe des Probanden ist es nun, im Raum nach Buchstabenschnipseln zu suchen, um im Stile eines Escape Rooms eine „verletzte“ Person zu „retten“ und den Raum zu verlassen. Nicht nur mit der Technologie, sondern auch mit dem persönlichen Druck, dem er ausgesetzt wird, muss der Proband also umgehen. Dass diese Usability-Studie dicht an der zukünftigen digitalen Unternehmensrealität ist, zeigen die Telepräsenzroboter, die bereits real vor den Unternehmenstüren stehen.

Wie beeinflusst Stress den Umgang mit digitalen Technologien? Im Digital Leadership Lab geht das Experiment „Robot Escape“ dieser Frage nach.

Auch die dritte studentische Forschergruppe experimentiert für ihre Versuchsreihe „Web-Conferencing“ mit Technologien zur Kommunikation auf Distanz: Herausgefunden werden soll, ob die visuell unterstützte Kommunikation einer Webkonferenz in einem bestimmten experimentellen Setting der rein akustischen Audiotelefonie überlegen ist. Im Experiment zeichnen die Probanden auf Papier bestimmte Formen nach, die ihnen vom Versuchsleiter beschrieben werden. Gemessen wird zum einen die Geschwindigkeit, in der ein Proband die beschriebene Form zeichnet und zum anderen die Genauigkeit seines Ergebnisses. Hypothese der Forschergruppe ist, dass bei der Videotelefonie präzise Anweisungen besser übermittelt werden können und dass diese auch als angenehmer empfunden wird als die reine Audiokommunikation. Praktisch relevant sind die Wirkweisen solcher Kommunikationssituationen beispielsweise für die Kommunikation zwischen Führungskraft mit Mitarbeitenden auf Distanz.

Was hat die Video- der Audiokommunikation voraus? Antworten sucht das Studierendenexperiment „Web-Conference“ im Digital Leadership Lab.

Das Digital Leadership Lab ist eine Einrichtung der Leuphana Universität Lüneburg und der LeadershipGarage. Hier lernen Führungskräfte unter wissenschaftlicher Begleitung die aktuellen Tools der digitalen Arbeitswelt kennen und erhalten Impulse für Innovationen mit konkretem Bezug auf ihre Arbeitssituation. Künftig finden sich hier unterschiedliche Hardware und Software für eine digitale Führung und Kollaboration, darunter Telepräsenzroboter, interaktive Whiteboards oder Anwendungen für Mixed Reality. In Verbindung mit einem Design Thinking Space erhalten die Besucher des Labs zudem die Möglichkeit, systematisch zu innovativen Ansätzen für eine Nutzung dieser Technologien im eigenen Unternehmen zu gelangen.

Christian OttoChristian Otto
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IPM

Digitaler Fingerabdruck:
„Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.