Silicon Valley: Im (Digi-)Tal der Zukunft

 

Google, Facebook & Co. sind nicht nur deshalb erfolgreich, weil sie im richtigen Moment den technologischen Schnellzug der Digitalisierung erwischt haben. Sie zeichnen sich auch durch eine besondere Unternehmenskultur aus. Ein Tag im Silicon Valley.

8:30am: Starbucks & Uber

Mein Tag beginnt mit einem Kaffee bei Starbucks. Den habe ich bestellt, bevor ich den Laden betrete – dank einer App, mit der Starbucks Wartezeiten an der Theke vermeiden hilft. Und auch bezahlen kann ich online. In den USA werden immer mehr Bezahlvorgänge mit dem Smartphone erledigt. Ob im Fitnessstudio, im Supermarkt oder an der Theaterkarte – digitales Geld lacht.

Für mich ist das ein weiterer Beweis, dass alles, was digitalisiert werden kann, irgendwann tatsächlich digitalisiert wird. Treiber dieser Entwicklung ist die Internet-Wirtschaft. Ich nutze meinen Forschungsaufenthalt an der Stanford University, um einen Blick hinter die Werkstore von Google und Facebook zu werfen. Schon die Fahrt dorthin ist ein Teil unserer digitalen Zukunft: Ich nutze den Taxi-Dienst Uber, bei dem ich per App einen Wagen rufe, online bezahle und zum Schluss eine positive Bewertung für Service und Freundlichkeit übermittle. Wäre ich nicht zufrieden, etwa weil mein Fahrer einen Umweg genommen hätte, bekäme ich Geld von Uber zurück. So funktioniert Qualitätssicherung.

11:00am: Google & Facebook

Ob man das Werksgelände von Google, Facebook oder eines anderen Tech-Unternehmens betritt – manche Dinge sind überall ähnlich. Zum Beispiel die Firmenfahrräder, die nicht abgeschlossen sind und auf denen die Mitarbeiter zwischen den Gebäuden oder auch nach Hause fahren. Bei Facebook sind die Räder hellblau, bei Google regenbogenfarben – das ist der einzige Unterschied. Typisch sind auch die Busstationen auf dem Werksgelände. Morgens werden die Mitarbeiter im ganzen Silicon Valley eingesammelt und abends wieder vor die Haustür gebracht. Entlang der Route sind die Mieten und Grundstückpreise besonders hoch. Die Unternehmen tun alles, um ihren Mitarbeitern die Arbeit so angenehm wie möglich zu machen, und sie halten alles von ihnen fern, was sie vom Arbeiten ablenken könnte. Bei Google sehe ich vier Haarschneide-Trucks, die in der Mittagspause regen Zulauf haben. Kaum jemand geht auswärts essen, weil die Kantine auf Sterneniveau kocht und kostenlos ist.

Die Rückseite des Facebook-Firmenschildes im Silicon Valley zeigt das verwitterte ehemalige Schild von Sun Microsystems.
Auf der Rückseite des Facebook-Firmenschildes: Das alte Schild von Sun. (Foto: Remdisch/privat)

Bei Facebook lese ich auf einem Schild den Schriftzug Sun Microsystems, das ist der Name des Unternehmens, das vor Facebook hier seinen Sitz hatte und nach Milliardenverlusten von Oracle geschluckt wurde. Ich denke, Mark Zuckerberg hat das Schild bewusst nicht entfernt, um seine Mitarbeiter davor zu warnen, was passiert, wenn ein Unternehmen träge wird und seine Innovationskraft einbüßt. Bewegung, Tempo, Energie bestimmen denn auch die Arbeitsatmosphäre der Tech-Unternehmen im Silicon Valley. Alle Mitarbeiter sitzen eng zusammen, es gibt kaum Einzelbüros, nur Gruppenarbeitsräume. Kreativität braucht Nähe. So entstehen superdichte Netzwerke auf kleinstem Raum. Diese Unternehmen fördern den persönlichen Austausch. Miteinander reden, miteinander essen, miteinander arbeiten – das Ganze hat etwas Familiäres. Das Management tritt regelmäßig vor die Mitarbeiter und erzählt, welche Projekte demnächst laufen und welche Ziele verfolgt werden. Storytelling ist ein wichtiges Führungsinstrument. Eine Botschaft klingt stets durch: Wir gehören zusammen, gemeinsam sind wir innovativ.

Die Unternehmen sind getrieben von den Ideen, vom Flow der Mitarbeiter. Für Herrschaftswissen und Hierarchien ist kein Platz. Die Mitarbeiter brennen, wie es so schön heißt. Das birgt natürlich auch die Gefahr des Ausbrennens. Viele Mitarbeiter trennen nicht zwischen Job und Privatleben. Die Arbeitstage sind lang, Projekte gliedern sich in „Sprints“, also intensive Arbeitsphasen, sowie Entspannungsphasen. Während eines Sprints kann es vorkommen, dass ein Programmiererteam mehrere Tage ununterbrochen in einem Raum zusammenhockt. Auf einer Tafel stehen die Ziele – erst wenn alle erreicht sind, geht man nach Hause. Dieser Rhythmus kostet Kraft, trotzdem klinkt sich keiner aus. Alle geben alles.

3:00pm: Stanford University

Zu meinem Tag im Silicon Valley gehört natürlich auch mein Arbeitsplatz an der Stanford University. Hier erlebe ich eine unglaubliche Vielfalt und Offenheit: Der Campus ist bunt und inspirierend. Wissenschaftler, Studierende und internationale Gäste reden über ihre Projekte, Forschungsergebnisse, Kooperationen und darüber, was sie in der Wissenschaft aktuell bewegt und welche neuen Fragestellungen sie umtreiben. Man tauscht sich aus und es stimmt wirklich: Jeder Gedanke wird besser, wenn man ihn ausspricht und diskutiert. Kommunikation ist der Motor von Co-Creation, wie sie sich in der engen Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ausdrückt. Wissen kann man überall erwerben, aber nirgendwo arbeiten Menschen so intensiv mit ihrem Wissen wie in Stanford. Es ist die Kombination von Persönlichkeiten, Talenten und Gründungskultur, die die hiesige Universität einzigartig macht. Dass diesem Ideen-Pool immer wieder erfolgreiche Unternehmen entwachsen, wundert mich nicht.

Aber es gibt noch viel mehr Inkubatoren im Silicon Valley. Sie stellen Raum für Kreativität zur Verfügung. Unternehmergeist weht durch das Tal. Alles ausprobieren, an Grenzen stoßen, auch mal scheitern dürfen – hier herrschen eine andere Risikobereitschaft und Fehlerkultur als in Deutschland. Das Valley ist innovativ, schnell, disruptiv, unternehmerisch.

7:30pm: Dinner in Palo Alto

Mein Tag geht mit einem Netzwerkdinner zu Ende. Es ist eines dieser Essen, die so wichtig sind, um Kooperationspartner kennenzulernen, seine eigenen Projekte vorzustellen, innovative Ideen zu bekommen und neue Kontakte zu machen. Persönliche Kontakte sind die härteste Währung im Silicon Valley – daran ändert auch die Digitalisierung nichts.

Prof. Dr. Sabine RemdischProf. Dr. Sabine Remdisch
Leiterin des Instituts für Performance Managements der Leuphana Universität Lüneburg und Gastwissenschaftlerin an der Universität Stanford.

Digitaler Fingerabdruck:
„Die Führungskraft auf Distanz wird weniger als Entscheidungsträger gebraucht, stattdessen müssen ihre Hauptfähigkeiten im Beziehungsmanagement liegen.“

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