Meine Erfahrungen mit Remotearbeit aus dem Camper Van

„Wow, sind das schneebedeckte Bergketten bei dir im Hintergrund?“ Die Teilnehmenden meines Design-Thinking-Seminars schauen interessiert in die Kamera und versuchen, meinen ZOOM-Hintergrund zu deuten. Aber fangen wir doch vorne an.

Auf Wandertour (Foto: Privat)

Im September 2020 kauften wir uns einen Mercedes Sprinter, den wir in den Folgemonaten zu einem gemütlichen Reisemobil ausbauten, dem es an nichts mangelt: Großes Bett, gemütliche Sitzecke, Toilette und eine kleine Küche haben wir mit an Bord. Sogar eine Dusche ist vorhanden, die allerdings – da draußen angebracht – nur bei nicht allzu kaltem Wetter genutzt wird. Solarpanels auf dem Dach machen uns zudem unabhängig von jeglicher Stromversorgung – gerade diesen Aspekt möchten wir definitiv nicht mehr missen. Nach einigen Reisen mit unserem Gefährt in die Berge von Südtirol oder auch an die deutsche Nord- und Ostseeküste schwirrte uns der Gedanke im Kopf, remote work aus dem Camper Van einfach mal auszuprobieren. Da sowohl mein Freund als auch ich das Glück haben, eigentlich nur auf unseren Laptop und stabiles Internet angewiesen zu sein, hinderte uns nichts daran, in die Reiseplanung einzusteigen.

Wir kombinierten schließlich eine dreiwöchige Reise im Van mit einem zweiwöchigen Finca-Aufenthalt in den Bergen von Soller, Mallorca. Unsere dreiwöchige Tour führte uns durch die wunderschöne Provence mit ihren Weinfeldern, das Marschland der Camargue, die hohen Berge der Pyrenäen und schließlich ins pulsierende Barcelona. Gerade in Frankreich gibt es eine Vielzahl an Winzern und Bauernhöfen, bei denen man – oft sogar kostenlos – stehen kann. Das ist wunderbar, waren es doch meistens sehr aufgeschlossene Gastgeber, mit denen wir abends Wein tranken und die uns gute Tipps verrieten, wo wir wandern und essen gehen sollten. Während dieser ersten drei Wochen gab ich einige wenige (drei) Workshops (im Bereich Design-Thinking).

Glasfaser mitten in der Provence

Zugegebenermaßen: Anfangs stresste mich die Unsicherheit, ob schnelles Internet an unseren Stellplätzen vorhanden sein würde. Internet war die einzige externe Komponente, auf die ich angewiesen war. Wusste ich am Vortag der Workshops nicht, wie die Internetverbindung am jeweiligen Aufenthaltsort sein würde, ließ das meinen Stresspegel ein wenig steigen. An unserem ersten Stellplatz auf einem Hof in der Provence war dies überhaupt kein Problem. Der Hof verfügte über Glasfaseranschluss und unser Gastgeber – ein Rentner aus Köln, der schon seit vielen Jahren in der Provence sein Zuhause hatte – gewährte uns gleich Zugang zum Internet.

Unser Camp in der Provence (Foto: Privat)
Abwechslung zum Van-Arbeitsplatz: Im Garten unserer Gastgebers (Provence, Foto: Privat)

Hatte ich doch so viel Glück für meinen ersten Workshop, verhielt es sich für den zweiten etwas anders: Wir standen auf 1.700 Metern Höhe in den Pyrenäen. Am Abend vor meinem Workshop kundschaftete ich den Naturcampingplatz aus, auf dem wir standen und versuchte, einen geeigneten Platz für mich zu finden. Problem: Das WLAN reichte nur ca. 10 Meter vom Haupt- und Wohnhaus der Betreiberfamilie, nicht aber bis zu unserem Van in ca. 50 Metern Entfernung. Ich dachte darüber nach, mich auf eine Bank mit kleinem Tisch vor das Wohnhaus zu setzen, aber merkte dann schnell, dass wir noch nicht im Sommer angekommen waren ;-). Schlussendlich setzte ich mich den Van und nutze meinen Handyhotspot, der zum Glück einwandfrei funktionierte. Mein Learning: Auch wenn Frankreich und Spanien mit meist sehr gutem Internet ausgestattet sind und man oft auf hilfsbereite Gastgeber trifft, sollte man immer einen Plan B und C in der Tasche haben. Für mich bedeutete dies im geschilderten Fall: Ich hatte meinen eigenen Hotspot und hätte im Notfall auf den meines Freundes zurückgreifen können.

Am Schreibtisch in den Pyrenäen und am Meer

Kommen wir nochmals zum Anfang meines Textes: „Wow, sind das schneebedeckte Bergketten bei dir im Hintergrund?“ Vor dem Beifahrersitz unseres Wagens lässt sich ein kleiner Tisch aufbauen, auf dem ich bestens arbeiten kann. Dieser ist groß genug für meinen Laptop und ein IPad, ich kann von dort aus direkt die Stromzufuhr nutzen und außerdem sitze ich bei schönem Wetter quasi direkt draußen und kann bei Regen schnell die Türe schließen. Ein Schwenk mit der Kamera nach rechts kann da schon mal schöne Hintergründe offenbaren – vor allem mitten in den Pyrenäen: Pferde direkt vor dem Van und die Bergkette im Hintergrund.

Am Schreibtisch in den Pyrenäen (1, Foto: Privat)
Am Schreibtisch in den Pyrenäen (2, Foto: Privat)

Gerade da unser Van aus einem Raum besteht, mit dem ich eher Urlaub verbinde, ist es schön, vorne einen kleinen Schreibtisch und die Gelegenheit zum ungestörten Arbeiten mit direktem Stromanschluss zu haben (eine Wand trennt die Fahrerkabine von dem hinteren Teil). Mein Learning: Die Solarpanels, die uns unabhängig vom Strom machen, möchte ich nicht mehr missen. Eine weitere Unsicherheitskomponente neben dem Internet wäre auf jeden Fall deutlich stressiger. Die Möglichkeit, meine Geräte direkt vom Schreibtisch aus laden zu können, ist einfach super!

Nach den Bergen ging es ans Meer – vorerst südlich von Barcelona. Dort standen wir für fünf Tage bei gutem Wetter direkt am Meer. Den Schreibtisch baute ich größtenteils draußen auf. Meine Tage sahen dort ungefähr so aus: Arbeiten von 8 bis 12 Uhr, Mittagessen, Ausflug, Abendessen, Spaziergang am Strand. Dazu muss ich sagen, dass ich diese Woche Urlaub hatte und an eigenen Projekten – meiner Dissertation und der Umsetzung eines Möbels für die Teamarbeit in Unternehmen, dem TEAMSPOT. – gearbeitet habe. Das hat erstaunlich gut geklappt, sind diese Projekte doch mit viel kreativer Ideenentwicklung verbunden. Ich merkte, dass die neuen Eindrücke um mich herum meine Kreativität triggerten. Natürlich arbeitete ich zeitlich betrachtet weniger als zu Hause, war aber motivierter und inspirierter bei der Sache. Zudem war es hilfreich, die Projekte mit (auch etwas räumlichem) Abstand zu betrachten und zu reflektieren. Mein Learning: Tagesgeschäft und Abarbeiten von Mails wäre mir hier sicherlich sehr schwergefallen, Ideenentwicklung funktionierte gut. Da natürlich auch in meinen Jobs diese beiden Seiten vorhanden sind, sind die Phasen, in denen es tendenziell weniger im Tagesgeschäft zu tun gibt, gut geeignet für derartige Reisen.

Arbeiten am Meer, südlich von Barcelona (Foto: Privat)

Insgesamt sind wir sehr froh, dieses Abenteuer gewagt zu haben. Wir sind dankbar, diese Möglichkeit überhaupt zu haben und können uns definitiv noch mal vorstellen, für einige Wochen aus dem Camper Van zu arbeiten – das nächste Mal vielleicht im Norden?

Hannah VergossenHannah Vergossen
Institut für Performance Management

Digitaler Fingerabdruck:
„Try out and fail fast“ – Unternehmen brauchen agile Prozesse und eine ausgeprägte Fehlerkultur um im Wettbewerb bestehen zu können.

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