Am 16. Juni 2026 führte die TNCC-Innovationstour zu zwei sehr unterschiedlichen Unternehmen: zur Leica Camera AG nach Wetzlar und zu Rittal nach Asslar. Beide Unternehmen stehen auf den ersten Blick für verschiedene Welten. Leica ist eng verbunden mit Fotografie, optischer Präzision, Design und Markenidentität. Rittal steht für industrielle Infrastruktur, Schaltschränke, Systemlösungen, Automatisierung und digitale Wertschöpfungsketten.
Gerade diese Unterschiedlichkeit macht den Vergleich interessant. Denn beide Unternehmen zeigen auf ihre Weise, dass Innovation nicht allein aus guten Ideen entsteht. Sie entsteht dort, wo Produkte, Prozesse, Strukturen, Technologien und Führung konsequent zusammengedacht werden.
Für Führungskräfte liegt darin eine zentrale Botschaft: Innovationsfähigkeit ist keine spontane Eigenschaft besonders kreativer Organisationen. Sie ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen. Es geht darum, Orientierung zu geben, Strukturen zu schaffen, strategische Prioritäten zu setzen und eine Kultur zu entwickeln, in der Veränderung nicht als Ausnahme, sondern als Teil der organisationalen Leistungsfähigkeit verstanden wird.
Leica: Innovation aus Präzision, Identität und Nutzererlebnis
Die Leica Camera AG ist ein internationaler Premiumhersteller von Kameras, Objektiven und Sportoptikprodukten. Zum Portfolio gehören hochwertige Kamerasysteme und Objektive ebenso wie Ferngläser, Entfernungsmesser, Spektive und weitere optische Produkte. In den vergangenen Jahren hat Leica sein Geschäftsfeld zudem erweitert, unter anderem in Richtung Mobile Imaging, hochwertige Brillengläser, Uhren und Heimkino-Projektoren.

Was Leica besonders macht, ist jedoch nicht allein das Produktportfolio. Die Marke steht für eine spezifische Verbindung aus optischer Qualität, deutscher Handwerks- und Ingenieurstradition, industriellem Design und einer klaren Vorstellung davon, was Fotografie als kulturelle Praxis bedeutet. Leica verkauft nicht nur Kameras. Leica verkauft ein bestimmtes Verständnis von Sehen, Gestalten und Erzählen.
Für Führungskräfte ist genau diese Verbindung interessant: Leica zeigt, wie Innovation aus einer starken Identität heraus entstehen kann. Das Unternehmen erneuert sich, ohne den eigenen Kern aufzugeben. Neue Technologien, digitale Ökosysteme oder Partnerschaften müssen zur Marke, zum Qualitätsversprechen und zur Nutzererfahrung passen. Innovation bedeutet hier nicht, jedem Trend sofort zu folgen. Sie bedeutet, das eigene Versprechen so weiterzuentwickeln, dass es auch in neuen technologischen und gesellschaftlichen Kontexten relevant bleibt.
Darin liegt eine wichtige Führungsaufgabe: Organisationen müssen wissen, wofür sie stehen. Nur dann können sie entscheiden, welche Innovationen wirklich anschlussfähig sind. Ohne Identität wird Innovation beliebig. Mit einer starken Identität kann Innovation dagegen Orientierung geben: Was passt zu uns? Was stärkt unseren Kern? Wo müssen wir uns verändern, ohne uns selbst zu verlieren?
Rittal: Innovation aus Systemdenken, Standardisierung und digitaler Durchgängigkeit
Rittal steht für eine andere Innovationslogik. Das Unternehmen ist ein weltweit führender Anbieter von Schaltschränken, Stromverteilung, Klimatisierung, IT-Infrastruktur sowie Software- und Servicelösungen. Die Produkte von Rittal finden sich in der Industrie, im Maschinen- und Anlagenbau, in Rechenzentren, in Energieinfrastrukturen und in vielen weiteren Anwendungsfeldern.
Im Zentrum steht dabei nicht das einzelne Produkt allein, sondern ein Systemgedanke. Ein Schaltschrank ist in dieser Perspektive nicht nur ein Gehäuse. Er ist Teil einer technischen Infrastruktur, in der Energie verteilt, Elektronik geschützt, Wärme abgeführt, IT betrieben, Prozesse gesteuert und Daten nutzbar gemacht werden. Rittal verbindet industrielle Hardware mit Software, Planungstools, Automatisierung und Engineering-Prozessen.
Besonders prägend ist dabei die Idee der Standardisierung. Was zunächst nach Effizienz und Wiederholung klingt, kann ein starker Innovationstreiber sein. Standardisierte Systeme reduzieren Komplexität. Sie ermöglichen schnellere Planung, verlässlichere Prozesse, bessere Skalierbarkeit und eine engere Verbindung zwischen Engineering, Beschaffung, Fertigung und Betrieb. In Verbindung mit Eplan und digitalen Planungs- und Engineering-Lösungen wird daraus eine durchgängige Wertschöpfungslogik: vom digitalen Entwurf über die Fertigung bis zur Nutzung im Betrieb.

Für Führungskräfte zeigt Rittal damit eine zweite zentrale Dimension von Innovationsfähigkeit: Innovation braucht Strukturen, die Wiederholbarkeit ermöglichen. Gute Ideen reichen nicht, wenn sie in Silos stecken bleiben. Erst wenn Prozesse, Daten, Verantwortlichkeiten und technische Systeme zusammenpassen, kann Innovation im Alltag wirksam werden.
Rittal macht damit sichtbar, dass industrielle Innovation häufig nicht spektakulär daherkommt. Sie liegt in der konsequenten Verbesserung von Schnittstellen, in der Standardisierung komplexer Prozesse, in der Verbindung physischer und digitaler Komponenten und in der Fähigkeit, Kunden nicht nur Produkte, sondern integrierte Lösungen anzubieten.
Zwei Unternehmen, zwei Innovationsmuster
Leica und Rittal unterscheiden sich deutlich in ihren Märkten, Produkten und Markenwelten. Gerade deshalb zeigen sie zwei komplementäre Innovationsmuster.
Leica steht für Innovation durch Identität: Ein Unternehmen entwickelt sich weiter, indem es seinen Kern kennt und diesen in neue Produkte, Technologien und Kundenerlebnisse übersetzt. Rittal steht für Innovation durch Systemfähigkeit: Ein Unternehmen schafft Wert, indem es Komplexität reduziert, technische Infrastrukturen modularisiert und digitale wie physische Prozesse integriert.
Beide Muster sind für Führungskräfte relevant. Denn viele Organisationen stehen heute vor der Herausforderung, zugleich Orientierung und Beweglichkeit zu schaffen. Sie müssen einerseits klären, was ihr strategischer Kern ist. Andererseits müssen sie Strukturen entwickeln, die schnelle Anpassung, Skalierung und Zusammenarbeit ermöglichen.
Innovation braucht also beides: Identität und System. Sie braucht ein klares Verständnis dessen, wofür ein Unternehmen steht. Und sie braucht die Fähigkeit, dieses Verständnis in Prozesse, Technologien, Produkte und Führungspraktiken zu übersetzen.
Die Brücke zu TNCC: Innovation als Co-Creation-Prozess
Genau hier setzt das Trans-Nation Co-Creation-Projekt, kurz TNCC, an. TNCC verbindet Perspektiven aus Deutschland und dem Silicon Valley, aus Wissenschaft und Praxis, aus etablierten Unternehmen, Start-ups und öffentlichen Organisationen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Organisationen im Zeitalter künstlicher Intelligenz innovationsfähig bleiben und wie Führungskräfte diesen Wandel aktiv gestalten können.
Die Besuche bei Leica und Rittal zeigen exemplarisch, dass Innovation nicht abstrakt verstanden werden kann. Sie ist immer eingebettet in konkrete Produkte, Branchen, Räume, Kulturen und Entscheidungsstrukturen. Innovation sieht in einem Premiumunternehmen der optischen Industrie anders aus als in einem globalen Systemanbieter für industrielle Infrastruktur. Aber in beiden Fällen stellt sich dieselbe Führungsfrage: Welche Bedingungen müssen wir schaffen, damit Neues entstehen, bewertet, umgesetzt und skaliert werden kann?
Gerade im Kontext der KI-Transformation wird diese Frage noch wichtiger. Viele Unternehmen experimentieren derzeit mit KI-Anwendungen. Doch die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Experiment allein. Sie liegt darin, KI sinnvoll in Strategie, Organisation, Prozesse und Kultur zu integrieren. Dafür braucht es Führungskräfte, die Technologie nicht nur beschaffen, sondern übersetzen können: in Nutzen, in Rollen, in Verantwortlichkeiten, in Lernprozesse und in tragfähige Zukunftsbilder.

TNCC versteht Innovation deshalb nicht als Import eines Silicon-Valley-Rezepts. Es geht vielmehr um transnationale Co-Creation: um das gemeinsame Lernen über Kontexte hinweg, um den Dialog zwischen unterschiedlichen Innovationskulturen und um die Frage, was sich aus internationalen Perspektiven für die deutsche Unternehmenspraxis ableiten lässt.
Drei Impulse für Führungskräfte
Aus dem Blick auf Leica, Rittal und TNCC lassen sich drei Führungsimpulse ableiten.
Erstens: Innovation braucht Richtung. Führungskräfte müssen klären, welchem Zweck Innovation im eigenen Unternehmen dient. Geht es um Qualität, Geschwindigkeit, Kundennähe, Effizienz, Nachhaltigkeit, neue Geschäftsmodelle oder um die Zukunftsfähigkeit der Organisation insgesamt? Ohne Richtung bleiben Innovationsaktivitäten oft episodisch.
Zweitens: Innovation braucht Strukturen. Unternehmen müssen Räume schaffen, in denen Neues entstehen kann, aber auch Prozesse, durch die Neues bewertet, weiterentwickelt und umgesetzt wird. Dazu gehören Daten, digitale Werkzeuge, klare Verantwortlichkeiten, bereichsübergreifende Zusammenarbeit und eine Kultur des Lernens.
Drittens: Innovation braucht Anschlussfähigkeit. Neue Technologien, neue Produkte oder neue Geschäftsmodelle müssen zur Organisation passen — oder die Organisation muss bewusst verändert werden, damit sie dazu passen. Entscheidend ist, dass Innovation nicht neben der Organisation läuft, sondern in ihr verankert wird.
Leica und Rittal zeigen auf unterschiedliche Weise, wie das gelingen kann. Das eine Unternehmen macht sichtbar, wie stark Innovation aus Identität, Qualität und Nutzererlebnis erwachsen kann. Das andere zeigt, wie mächtig Systemdenken, Standardisierung und digitale Durchgängigkeit für industrielle Transformation sind.
Für Führungskräfte liegt die zentrale Aufgabe darin, beide Perspektiven zusammenzubringen: den eigenen Kern zu verstehen und zugleich die Strukturen zu schaffen, mit denen Zukunftsfähigkeit praktisch wird. Genau darin liegt auch der Kern von TNCC: Innovation entsteht nicht durch einfache Übertragung, sondern durch gemeinsames Verstehen, Übersetzen und Gestalten.