Mein Smartphone bin ich

 

Gute mobile Produkte zeichnen sich durch immer mehr Möglichkeiten ihrer Personalisierbarkeit aus. Sie denken mit, sie gehen mit – und die wirklich guten sind uns sogar immer noch einen Schritt voraus.

Seit heute gehöre auch ich zur Community einer faszinierenden App: MyFitnessPal. Dabei handelt es sich um eine freie Smartphone-App mit dazugehöriger Website, die vereinfacht ausgedrückt als Diät-App bezeichnet werden kann. Sie übernimmt das Kalorienzählen, ermittelt den individuellen Kalorien- und Nährstoffbedarf und enthält spielerische Elemente, die der Motivation des gesundheitsbewußten Users dienen.

Auf die Idee, diese App buchstäblich am eigenen Leibe zu probieren, hat mich Medha Ghatikesh, Produktmanagerin von MyFitnessPal, mit ihrem heutigen Vortrag über ihr Unternehmen an der Universität Stanford gebracht.

Zum Einstieg schildert die Referentin die originelle Entstehungsgeschichte dieser App, die im Jahre 2004 mit einer Heirat beginnt: Der Entwickler von MyFitnessPal stand unmittelbar vor seiner Hochzeit und wollte anlässlich dessen schnell noch einige Pfunde abnehmen. Er suchte einen Fitness-Coach auf, der ihm empfahl, Kalorien zu zählen. Dafür wiederum solle er sich ein Buch besorgen, in dem 3000 Nahrungsmittel und deren Kaloriengehalt abgebildet seien. Dieses Buch, leicht vorzustellen, war recht groß und keineswegs praktisch nutzbar – an eine Mitnahme auf Reisen beispielsweise war kaum zu denken. Die weitere Recherche im Netz ergab keine bessere Alternative. Und so entwickelte er kurzentschlossen eine eigene mobile App, die er MyFitnessPal taufte und die heute von Millionen Menschen, vorzugsweise sind es Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahren, genutzt wird.

Die Funktion dieser App ist denkbar einfach: Ich gebe mein Zielgewicht und einige Körpermaße ein, die App kalkuliert meinen täglichen Kalorienbedarf und nimmt mir fortan das lästige Kalorienzählen ab. Dafür trage ich lediglich ein, was ich zum Frühstück, Lunch, Dinner und den Zwischenmahlzeiten essen will und lese ab, was ich (noch) essen darf; zudem interagiert die App mit Fitnesstrackern, schließt in ihre Berechnungen also beispielsweise umgehend mit ein, dass ich heute Morgen eine Runde gejoggt bin – und fährt meinen Kalorienbedarf entsprechend nach oben.

Am wirksamsten ist die App zweifellos direkt am Essenstisch. Wer gerade vor seinem tagtäglichen Burger sitzt und nun von seiner App erfährt, dass dieser rund 900 Kilokalorien beinhaltet, kommt schnell ins Grübeln, ob dieser Happen jetzt dem Idealgewicht zuträglich ist. Um den User in Situationen wie dieser optimal zu unterstützen, wird die App beständig weiterentwickelt und bietet dadurch immer neue, noch passgenauere Features an. So filtert sie neuerdings anhand des noch möglichen Kalorienbedarfs genau die Restaurants in der direkten Umgebung heraus, die jetzt gerade Mahlzeiten mit diesem auf mich zugeschnittenen Kalorienbudget anbieten. Darüber hinaus kann ich beispielsweise Rezepte zum Selberkochen herunterladen und mich informieren, was ich einkaufen soll, um mich gesund und analog meiner Fitnessziele zu ernähren.

Über die Zeit entfaltet die App somit einen ordentlichen Lerneffekt: Ihre Nutzer lernen, welche Inhaltsstoffe und wie viele Kalorien in welchem Lebensmittel stecken, ihr Essverhalten wird für sie sichtbar überwacht und kontrolliert, sodass sich Verhaltensänderung in den Essgewohnheiten nachhaltiger etablieren können. Auch können die so gewonnenen Daten über das Essverhalten heruntergeladen und zum Beispiel dem Arzt oder Ernährungsberater zur Ausarbeitung eines individuellen Coachings übermittelt werden.

Das für mich wirklich Interessante an dieser App ist die Tatsache, dass gute mobile Produkte durch eine Vielzahl an Möglichkeiten der Personalisierung auffallen. Nicht nur, dass wir sie stets mit uns tragen und unsere Wünsche abfragen können – mehr und mehr antizipieren diese Geräte, was wir gerade benötigen: automatisch zeigt mir mein Smartphone das Wetter in Palo Alto oder Hamburg an – je nachdem, wo ich gerade bin; ich erhalte personalisierte Werbung, so etwa die Hinweise auf ein Tanz-Meetup, nachdem ich vorher online nach ein paar neuen Tanzschuhen recherchiert hatte; mein Screen ist absolut unique, da ich mir ganz bestimmte Apps heruntergeladen habe, meine Freunde wiederum haben andere; die News, Empfehlungen, Informationen, die mein Smartphone mir anzeigt, sind auf mich persönlich zugeschnitten, basierend auf meinem Verhalten. Kurzum: mein Smartphone zeigt mir genau das auf, was für mich gut funktioniert, abgestimmt auf meine reale Person und den Kontext, in dem ich mich gerade bewege. Es ist wie eine erweiterte Persönlichkeit.

Natürlich benötigt mein Smartphone dafür Daten von mir; und je persönlicher es werden soll, umso mehr Daten sind notwendig. Gerade darin wiederum steckt der Stoff, aus dem die Debatten um die Risiken dieser digitalen Möglichkeiten sind: Transparenz der Privatsphäre, Unsicherheit darüber, wer was über mich weiß, die Gefahr, dass das Gerät bei Verlust in die falschen Hände gerät, Datenmissbrauch. Die Kontroverse zwischen Privatheit auf der einen und erwünschter Convenience auf der anderen Seite, zwischen erwünschter Personalisierung und dem Schutz der Persönlichkeit ist allgegenwärtig. Umso wichtiger wird es auch zukünftig sein, eine eigene Haltung dazu einzunehmen, das richtige Maß zu finden zwischen dem persönlichen Nutzen und der nötigen Sicherheit.

Auch deshalb, um mir dieses noch einmal zu vergegenwärtigen, ist MyFitnessPal, diese wirklich smarte personalisierte App, ein tolles Beispiel.

(Aufmacherfoto: Sabine Remdisch)

Prof. Dr. Sabine RemdischProf. Dr. Sabine Remdisch
Leiterin des Instituts für Performance Managements der Leuphana Universität Lüneburg und Gastwissenschaftlerin an der Universität Stanford.

Digitaler Fingerabdruck:
„Die Führungskraft auf Distanz wird weniger als Entscheidungsträger gebraucht, stattdessen müssen ihre Hauptfähigkeiten im Beziehungsmanagement liegen.“

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