Virtualität fordert echte Gefühle

Wir bestellen unseren Kaffee lieber per App als an der Theke, verlängern mit Gadgets unseren Körper, sind im Always-on-Modus, immer präsent, aber selten richtig da. Die Gegentrends lauten absolute Zugewandtheit, Netzwerken, Offenheit.

Universität Stanford im November 2014: Die Professorin schaltet sich per Video aus Israel zu, spricht aber die ganze Zeit über Empathie und Nähe, die notwendig seien, um ein gutes Teamklima zu schaffen. In ihrem Institut haben alle Möbel Rollen, die die Menschen in Bewegung bringen: Man sitzt in immer neuen Konstellationen zusammen, zum Arbeiten, Reden, Netzwerken. Die Menschen sind einander zugewandt. Sie fühlen, dass sie besser, gestärkt aus den Gesprächen hervorgehen. Sie leben analog. Was ist so schlimm daran?

Der stärkste Eindruck im Silicon Valley ist der Gegensatz, dass auf der einen Seite die banalsten Dinge technologisiert werden und auf der anderen Seite Vieles sehr rückgewandt erscheint und die persönlichen Begegnungen übermäßig intensiv gelebt werden.

Das sind die Gegentrends zur Virtualität:

  • Neugier Ich bin an anderen Dingen und fremden Perspektiven interessiert. Mein Teller hat keinen Rand.
  • Empathie Ich fühle mich in die Seelenlage und emotionale Welt meines Gegenübers ein. Wie bei der Gesprächstherapie nach Carl Rogers geht es darum, Emotionen zu verstärken, indem sie gespiegelt werden.
  • Vertrauen Der Schlüssel zu allem. Ich zeige mich offen, gebe Geheimnisse von mir preis und bestärke mein Gegenüber darin, dies auch zu tun.
  • Nähe Persönliche Treffen sind der beste Kitt für Beziehungen – ob in der Arbeitswelt oder im Privatleben.
  • Sinnlichkeit Es macht einen großen Unterschied, ob ich ein Wort in mein Tablet tippe oder mit Kreide an die Tafel schreibe. Ich erlebe meine Sinne durch alles, was ich mit der Hand tue.
  • Vergänglichkeit In der digitalen Welt begegnet einem überall der Retro-DIY-Trend: Kreidetafeln als Werbeboards, Homemade-Produkte, Shabby-Chic-Interior. Bewahren als Gegentrend zum täglichen neu Erfinden.

Neugier, Empathie, Vertrauen, Nähe, Sinnlichkeit, Vergänglichkeit lassen sich lernen. Dafür gibt es einfache Übungen. So fangen Sie an:

  • Lernen Sie jeden Tag einen Fremden kennen. Wechseln Sie ein paar Worte mit ihm. Sie haben die Aufgabe erst erfüllt, wenn Sie seinen Namen wissen.
  • Lächeln Sie alle Menschen an, die Ihnen auf der Straße begegnen. Lassen Sie Fremden den Vortritt, begegnen Sie ihnen zuvorkommend.
  • Leben Sie always on, aber nicht mit dem Smartphone, sondern mit allen Sinnen. Versuchen Sie jeden Tag einen Duft, ein Geräusch, ein Bild zu entdecken, das Sie vorher noch nie wahrgenommen haben.

Sirka Laudon
Leiterin Personalentwicklung der Axel Springer SE, Berlin

Digitaler Fingerabdruck:
„Marketing und Personal sind eins in der digitalen Welt“

1 Kommentar


  1. ·

    Extrem erfrischend, das zu lesen und “ a big thumbs up“ – war bereits von Ihrem Talk auf den Petersberger Trainertage begeistert! Mehr davon in Unternehmen und den Köpfen von uns allen – das wäre ein Milestone!

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